Nirvana: Darstellung eines zentralen Begriffs östlicher Weisheit

Nirvana: Darstellung eines zentralen Begriffs östlicher Weisheit
 
Nirvana ist einer der zentralen Begriffe der asiatischen Religionen und Philosophien, sowohl des Hinduismus, des Buddhismus wie des Zen-Buddhismus. Asiatische Religionen begreifen den Kreislauf der Seelenwanderung — im Gegensatz zu westlichen Interpretationen der Reinkarnationsvorstellungen — als einen Prozess, der überwunden werden muss. Nirvana wird als Erlösung aus dem ewigen Kreislauf (Samsara), das Heraustreten aus der Welt und die damit einhergehende Auflösung der personalen, individuellen Strukturen, als das Aufgehen des Selbst (Atman) im Absoluten (Brahman) oder als das Unterschiedloswerden mit der göttlichen Einheit beschrieben. Nirvana kann in einer zweiten Bedeutung aber auch eine Seelenverfassung sein, die schon vor dem Tod erreichbar ist.
 
 Nirvana in den asiatischen Philosophien/Religionen
 
Der Begriff Nirvana (aus dem Sanskrit) bedeutet »Erlöschen«, »Vergehen«. In den altindischen Sprachen, die zur indoarischen Sprachenfamilie gehören, sind alle zentralen Begriffe der östlichen Philosophie vorgeprägt. Nirvana als Verlöschen liegt die Vorstellung des Zur-Ruhe-Kommens einer Bewegung oder der endgültigen Heimkehr in den göttlichen Schoß zugrunde. Es ist hier an das totale Verlöschen einer Flamme, deren Wachs aufgebraucht ist, oder das schließliche Verglimmen von Funken gedacht.
 
Im Buddhismus bedeutet Nirvana allgemein vor allem das Verlöschen des Leidens, das aus dem Lebensdurst und dem Pulsieren der Leidenschaften entsteht. Als drei Ursachen des Leidens gibt der Buddhist die Begierde, den Hass und das Nichtwissen an. Die östlichen Religionen und Philosophien ersehnen für den Menschen die Rückkehr zum Einen, die letztliche Vereinigung aller Vielheiten und Versöhnung mit dem göttlichen Urprinzip; und diese Rückkehr ist für den Menschen das Nirvana. Ganz im Gegensatz zum christlich-abendländischen Denken, in dem Geschichte und die Gültigkeit der Person das Ziel menschlicher Hoffnungen sind, ist hier das Heil als Versöhnung mit der Natur und dem Kosmos gesehen. Während irdisches Dasein im europäischen Denken als unwiederholbar und linear einmalig vorgestellt wird (Geschichte), gehen die monistischen Religionen des Ostens von einem immer wiederkehrenden Kreislauf der Natur (Samsara) aus, in dem die Lebewesen wieder geboren werden (Seelenwanderung, Reinkarnation). Aus diesem Kreislauf will der Buddhist ausbrechen. Nirvana bezeichnet den Zustand der Erlösung, der höchsten Seligkeit, der dem Kreislauf der Wiedergeburt enthoben ist. Er tritt nach dem Tod ein (Parinirvana) und wird denen zuteil, die durch ein heiliges Leben die Gebundenheit an die Welt, den Lebensdurst, aufgegeben haben. Nirvana bedeutet das Gereinigtsein von der Welt, das Erlöstsein von den Karma-Gesetzen, den festen Weltgesetzen, nach denen alle Taten vergolten werden.
 
Nirvana als schon jetzt mögliche Erfahrung setzt die Anerkennung der Nichtigkeit des Ichs und die Erkenntnis voraus, dass der Alltag von einer krampfhaften Fixiertheit auf das Ich bestimmt ist. Buddhistische Lehren umfassen seine Einübung und praktische Umsetzung: Die Welt wird in ihrer Leere und Bodenlosigkeit geschaut, das Ich erkennt sich in seiner Brüchigkeit und Angstbeladenheit. Es lässt sich als Folge des Einblicks in die Nichtigkeit von allem los und gewinnt eine »große Freiheit«. Die Distanz zu sich wird als Befreiung erlebt und schließt eine Veränderung der gesamten Alltagspraxis ein. Es erlaubt den Blick auf die Welt mit den Augen des Erbarmens.
 
In der südbuddhistischen Schule, der Hinayana-Tradition (»Kleines Fahrzeug« oder auch Pali-Buddhismus genannt), der strengen Form des asketischen Buddhismus, wird Nirvana überwiegend als eine Loslösung von den Leidenschaften aufgefasst. Es kann auch einen positiven unvergänglichen Zustand meinen.
 
Der Mahayana-Buddhismus (»Großes Fahrzeug«), der auch nordbuddhistische Schule oder Sanskrit-Buddhismus genannt wird und die Lehre Buddhas für breite Bevölkerungsschichten auslegt, denkt Nirvana als eine Erfahrung der Einheit und Identität mit dem Absoluten. Die Verbundenheit mit allem führt zur vollständigen Annahme des Kreislaufs, Samsara. Samsara und Nirvana sind so gesehen nicht mehr zu trennen. Man unterscheidet zwei Formen des Nirvana, das »nicht fixierbare Erlöschen«, das Apratishthita-Nirvana, bei dem noch nicht alles erloschen ist, und das vollständige Nirvana (Pratishthita-Nirvana), das totale Auflösen des Selbst und Einssein mit dem Absoluten.
 
Im Zen-Buddhismus wird Nirvana als die Erkenntnis der Leere von allem und als die Verwirklichung des wahren Wesens, der Buddha-Natur, angesehen. Es wird mit Prajna, vollkommener Weisheit, gleichgesetzt.
 
Im Hinduismus (Bhagavad-Gita) wird der höchste Geisteszustand Brahma-Nirvana genannt. Die Auflösung des Selbst ins Brahman, die göttliche Einheit, ist das Ziel.
 
 Nirvana im europäischen Denken
 
Neben der entstehenden Religionswissenschaft machte bereits im 19. Jahrhundert Arthur Schopenhauer das asiatische Denken in Europa bekannt. Er versuchte die asiatische Philosophie mit abendländischen Denkansätzen zu verbinden und kam zu einer umfassenden Philosophie des Mitleids. Die Welt, die im Grund durch den Willen, den Drang zur Selbststeigerung und Machtvergrößerung, geprägt ist, wird hier überschritten.
 
Die asiatische Sichtweise der Welt, vor allem die Auflösung des Ichs, die Bodenlosigkeit der phänomenalen Ich-Erfahrung und das Überwinden des Subjekt-Objekt-Dualismus, interessierte im 20. Jahrhundert vor allem die phänomenologischen Schulen. Sowohl Maurice Merleau-Ponty als auch Martin Heidegger nahmen Bezug auf östliches Denken, ihre Philosophie wurde schließlich im Lichte der östlichen Philosophie bzw. des Zen-Buddhismus interpretiert.
 
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in Amerika und in Europa Zen-Hallen gebaut. Seit der Indien-Euphorie der Beat-Bewegung in den 1960er-Jahren besteht in westlichen Ländern ein noch breiteres Interesse an den Philosophien und Weisheitslehren der asiatischen Religionen. Mithilfe des Elektroenzephalogramms (EEG) beobachteten Neurologen Zen-Meister während der Meditation und maßen deren Gehirnströme. Die empirische Erforschung der Nirvana-Erlebnisse konnte die Eigenart der Erfahrungen allerdings nicht hinreichend erfassen. Sie geriet gegenüber dem philosophischen Vergleich von östlichem und westlichem Denken in den Hintergrund. Der Psychoanalytiker Erich Fromm (* 1900, ✝ 1980) stellte Parallelen zwischen buddhistischer Meditation und Psychoanalyse hinsichtlich ihrer Ziele fest, aber auch hinsichtlich der ethischen Folgerungen sowie des unsymmetrischen Verhältnisses zwischen Lehrer und Schüler bzw. Therapeut und Klient. In beiden Fällen geht es um Erkenntnis als ein intuitiv-direktes Erfassen der Wirklichkeit. Das Erlebnis der Meditation oder die psychische Veränderung im Rahmen der Analyse kann nicht linear produziert werden. Nicht ein Sonderzustand, sondern die Erreichung der normalen Verfassung des Geistes wird angestrebt. Psychoanalyse und buddhistische Meditation sehen den Verlust der Unschuld des Menschen durch die Verstandesarbeit, durch Wissen und Kognition gegeben; im Buddhismus spricht man von »affektiver Verseuchung«, von der »Einmengung des bewussten Geistes«. Sowohl in der buddhistischen Meditation als auch in der Psychoanalyse ist der Unterschied zwischen kognitivem Wissen und erlebtem Wissen, zwischen Verstandesarbeit und Bewusstsein fundamental bedeutsam. Das Nirvana-Erlebnis ist die Erfahrung des Nicht-Ich, des Fehlens von bewusster Denktätigkeit. Asiatische Meditationstechniken erlauben auf diese Weise ein Sehen der Welt mit den Augen des Kindes, also eine Erfahrung, die die normalerweise bewusste Wahrnehmung überschreitet. Es wird hier nicht mehr unterschieden zwischen Ich und dem Anderen, der Welt; die Ichbezogenheit, der Subjekt-Objekt-Gegensatz, in dem wir erkennen, wird überschritten.
 
Als Buddhist versucht der chilenische Biologe und Philosoph Francisco J. Varela erneut die buddhistische Selbsterfahrung mit den gegenwärtigen Theorien des Bewusstseins zu verbinden und der Nirvana-Erfahrung, der Erfahrung der Leere, vollends Rechnung zu tragen: Nirvana meint das Zusammenfallen und Irrelevantwerden von Gegensätzen. Das europäische Denken ist insofern durch die Nirvana-Erfahrung infrage gestellt, als es grundlegend auf Gegensätzen aufgebaut ist, letztlich auf der Differenz von Subjekt und Objekt. Diese Grunddifferenz spaltet weitere Gegensätze auf, sie macht alles zu Dingen und versucht sich selbst sogar als Gegenstand zu erfassen. Das Nirvana-Erlebnis schließt dagegen die Aufgabe der Sichtweisen ein, die an Gegensätzen haften und um Sicherheit, Selbstbestätigung bzw. Selbstvergewisserung ringen:
 
Sowohl das Bemühen um letztliche Objektivität als auch die nihilistische Leugnung jedes Sinns entspringen beide dem Anhaften, der Suche nach bleibendem Halt. Diese lässt der Buddhist zugunsten einer erbarmenden Haltung zu allen Dingen hinter sich. Aus der Einsicht in die Leere von allem erwächst die Verbundenheit mit allem, was ebenfalls im Kreislauf der Welt steht. Das Aushalten von Leere bedeutet Freiheit, wenn sie nicht mehr auf dem Hintergrund der Sehnsucht nach Sicherheit interpretiert wird. Der Buddhist kann nicht bei der bloßen Betrachtung der Bodenlosigkeit stehen bleiben — diese wäre nämlich wiederum mit einer anhaftenden sicheren Position identisch —, die Erfahrung der Freiheit wird in engagiertem Tun konkret. Die Erfahrung der Bodenlosigkeit mündet in die Haltung des Erbarmens. »Wenn der räsonierende Geist nicht mehr anhaftet und ergreift, (...) erwacht man zur Weisheit (Prajna), mit der man geboren wurde, und daraus erwächst die Energie des Erbarmens ohne jeden Anspruch«, sagt Trungpa, ein asiatischer Meditationsmeister.
 
 Nirvana und die christliche Religion
 
Wenn in religionsgeschichtlicher Sicht als christliche Grundkonstante die Betonung der Geschichtlichkeit und Gültigkeit der menschlichen Person hervorzuheben ist, so ist mit dem Nirvana-Begriff das Gegenkonzept aufgezeigt; Nirvana umfasst die Auflösung der geschichtlich eingebundenen Subjektstrukturen und der Versöhnung mit der überpersönlichen göttlichen Einheit. Das Denken der Leere und die Überwindung des Anhaftens münden hier ebenso in ethisches Engagement wie im Christentum. Gemeinsam kann beiden so unterschiedlichen religiösen Sinn- und Orientierungslehren weiterhin das Augenmerk für die Gegenwart und Präsenz gelten. Während die asiatische Religion den Augenblick aber als unverfügbar loslässt und keinerlei Ableitungen aus ihm trifft, hält das Christentum seine geschichtliche Einbindung und Sinnhaftigkeit fest.
 
In der buddhistischen Tradition wird die Erfahrung von Leere und Bodenlosigkeit nicht negativ bewertet, sondern als heilsam betrachtet, der Weg zur Erlösung führt über den Pfad des »Großen Zweifels«. Da der positive Umgang mit der Haltlosigkeit und der Infragestellung für das substanz- und sicherheitsfixierte europäische Denken hilfreich sein kann, hat eine Rezeption der buddhistischen Geisteshaltung in Bezug auf Fragen der Lebensführung schon vor Jahren durch Arbeiten des Jesuiten Hugo Enomiya-Lassalle auch im Bereich des Christentums begonnen. Francisco J. Varela rät dazu, die buddhistische Erfahrung der Leere als positiv anzuerkennen: Skepsis, Zweifel und die Erfahrung der Bodenlosigkeit und der Leere können als entscheidende Schritte einer religiösen Welterkenntnis dienen, um zu einer Kultur des Erbarmens und zu offenherziger Toleranz jenseits von ideologischen Verkrustungen zu kommen.
 
Der europäische Meditationsmeister Karlfried Graf Dürckheim hat asiatische Meditationsformen den Christen als Bereicherung ihrer religiösen Erfahrung und Möglichkeit der spirituellen Sensibilisierung zu vermitteln versucht. Nach dem Leitsatz »Ohne Erde keinen Himmel« wird die östliche Meditation vielfach im Christentum positiv gewertet, so auch von Josef Sudbrack, einem Professor für Christliche Spiritualität.
 
Im Rahmen eines allgemeinen Interesses an den Strömungen der Esoterik ist eine weitere Vermischung von christlichen und buddhistischen Ansätzen zu beobachten; hierbei dreht es sich um Zwecke persönlicher meditativer Vervollkommnung, die eine oberflächliche Beschäftigung mit östlichen Weisheitslehren offen legen; die östliche Lehre vom Nirvana, die auf die Überwindung der Bindungen an die Dinge und an das eigene Ich zielt, vermag die Fremdheit der östlichen Religion darzulegen. Sie beinhaltet die radikale Infragestellung der Vorstellung des eigenen Ichs.
 
 
K. Heinrich Dumoulin: Zen im 20. Jahrhundert. Taschenbuchausgabe Frankfurt am Main 1993.
 Martin Heidegger: Unterwegs zur Sprache. Stuttgart 101993.
 Karlfried Graf Dürckheim: Das Tor zum Geheimen öffnen, herausgegeben von Gerhard Wehr. Neuausgabe Freiburg im Breisgau 31995.
 Erich Fromm u. a.: Zen-Buddhismus u. Psychoanalyse. Aus dem Amerikanischen. Frankfurt am Main 171995.
 Francisco J. Varela u. a.: Der mittlere Weg der Erkenntnis. Aus dem Amerikanischen. Taschenbuchausgabe München 1995.
 Karlfried Graf Dürckheim: Hara. Die Erdmitte des Menschen. Lizenzausgabe München 1999.
 Daisetz Teitaro Suzuki: Die große Befreiung. Einführung in den Zen-Buddhismus. Aus dem Englischen. Lizenzausgabe Bern 1999.

Universal-Lexikon. 2012.


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